Ortsgschichte Lommiswil

Der Lommiswiler Marmor

Inhaltsverzeichnis


Einführung

Lommiswil wird heute vor allem mit Landwirtschaft und ländlicher Prägung verbunden. Weniger bekannt ist, dass sich hier im 19. Jahrhundert eine bedeutende Steinindustrie entwickelte. Grundlage dafür war ein besonderes Gestein, das weit über die Region hinaus Anerkennung fand und Lommiswil zeitweise zu einem wichtigen Lieferanten von hochwertigem Baumaterial machte.

Ein aussergewöhnlicher Solothurner Kalkstein

Beim sogenannten Lommiswiler Marmor handelt es sich geologisch um den sogenannten «gelben Lommiswyler Kalkstein» (1). Aufgrund seiner feinen Struktur und warmen, gelblichen Farbe wurde er bereits früh als Marmor bezeichnet. Zeitgenössische Fachleute hoben seine Qualität besonders hervor. Der Kunstästhetiker Dr. P. Albert Kuhn stellte den «sehr schönen gelblichen Marmor aus Lommiswil» in seiner Beurteilung der Schweizer Marmorarten sogar an die erste Stelle (1).

Verwendung im Bauwesen

Der Lommiswiler Marmor wurde roh oder bossiert verarbeitet. Aus ihm entstanden Quader, Mauersteine, Sockel, Treppenstufen und Brunnentröge. Dank seiner guten Bearbeitbarkeit und Widerstandsfähigkeit eignete er sich sowohl für repräsentative Bauten als auch für funktionale Zwecke.

Sein Einsatz in bedeutenden Bauwerken belegt die hohe Wertschätzung des Lommiswiler Marmors:

  • Bundeshaus in Bern: Säuleneingänge zum Nationalratssaal (1) (5).
  • ETH Zürich (früher „Eidgenössischen Polytechnikum“): Zwei Denkmäler für die Professoren Cullmann und Semper (8)
  • Denkmal für Sumatra: Sockelwerk (8)
  • Weissensteinbahn: In den Jahren 1907/1908 wurden Steine aus den Lommiswiler Brüchen für das Mauerwerk des Geissloch-Viadukts verwendet (2).
  • Bauten in Lommiswil: Auch im Dorf selbst prägte der Stein das Ortsbild. Für das neue Schulhaus, errichtet 1923/24, wurde Material aus den Steinbrüchen oberhalb der Hasenmatt beziehungsweise aus dem Steinbruch der Weissensteinbahn verwendet (2).
Bau Altes Schulhaus Lommiswil, 1922-1923, Quelle: Marlis Bähler (Anna Meier) – Foto koloriert mit „MyHeritage“-Tool

Die Steinbrüche und ihre Bewirtschaftung

Die Gemeinde, insbesondere die Bürgergemeinde Lommiswil, besass mehrere Steinbrüche und Griengruben, die über Jahrzehnte hinweg eine wichtige Einnahmequelle darstellten. Quellen nennen Abbaustellen im Obermoos, im Eichgraben, im Weidli, am Türliberg sowie bei der sogenannten Güpfi- oder Käsigrube (2).

Die Brüche wurden verpachtet. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts lag der jährliche Pachtzins noch bei rund 38 Franken, stieg jedoch mit zunehmender Nachfrage deutlich an. Zu den Pächtern gehörten unter anderem die Emmentalbahn-Gesellschaft (1), der Unternehmer Jean Greder aus Crémines, der lokale Steinhauermeister Niklaus Flury (6) sowie die Firma A. Buess & Cie. aus Basel (2).

  • 1873 pachtete die Emmentalbahn-Gesellschaft den Steinbruch im Obermoos für einen jährlichen Zins von 120 Franken.
  • 1874 wurde der Pachtzins aufgrund einer Erweiterung des Steinbruchs auf 150 Franken erhöht.
  • 1879 wurde der Steinbruch im Eichgraben für jährlich 163 Franken verpachtet.
  • 1888 ging eine zuvor von Urs Jos. Moll und Urs Jos. Sieber betriebene Grube an den Steinhauermeister Meinrad Fröhlicher über, bei einem Jahreszins von 70 Franken.

Die Pachtverträge regelten nicht nur die Nutzung der Steinbrüche, sondern auch Pflichten der Betreiber. Dazu zählten der Unterhalt von Zugangs- und Allmendwegen sowie die kostenlose Abgabe von Steinen oder Schotter für den Strassenbau. Im Eichrütli bestand zudem eine sogenannte Steinwaage, die für den Handel von Bedeutung war.

Die Lommiswiler Grube

Eine besondere Stellung unter diesen Brüchen nimmt jedoch die Lommiswiler Grube ein, die der Bürgergemeinde Bellach gehörte (8).

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dort Bruchstein gewonnen. Die aussergewöhnliche Qualität des Gesteins blieb jedoch lange unerkannt. Erst beim Bau der Emmentalbahn im Jahr 1873 zeigte sich, dass zwei bestimmte Gesteinsschichten sich hervorragend für die Bearbeitung und Politur eigneten. Daraus entstand ein Marmor von charakteristischer Farbgebung – von Hellgelb bis zu Dunkelgoldgelb –, der sich besonders für dekorative Anwendungen im Innenbereich anbot.

Der Steinbruch wurde zwischen 1899 und 1907 durch den Steinhauermeister Johann Bargetzi-Borer (1836 – 1907) betrieben und anschliessend von August Bargetzi weitergeführt. Eine kontinuierliche Nutzung erwies sich jedoch als schwierig. Die wertvollen Marmorschichten liegen unter mehreren Metern Deckgestein, das früher als Baumaterial verwendet werden konnte. Mit dem Aufkommen von Backstein und Kunststein verlor dieses Material jedoch an Bedeutung, wodurch die Abbaukosten stark anstiegen.

Im Jahr 1927 wurde festgehalten: „Da sich die wirtschaftliche Nutzung heute ausschliesslich auf die beiden hochwertigen Marmorbänke beschränkt, ist die Gewinnung kostenintensiv und erfolgt nur noch unregelmässig – meist dann, wenn besondere Projekte gezielt diesen Stein verlangen.“

Steinabbau und Dorfleben

Der Steinabbau prägte das wirtschaftliche und soziale Leben von Lommiswil nachhaltig. In historischen Verzeichnissen taucht der Beruf des «Marbier» (Marmorarbeiter) (7) auf, später finden sich zahlreiche Einträge für Steinhauer und Steinhauermeister (8):

  • Johann Moll (Steinhauer, PFK 26.4.1870)
  • Niklaus Fluri (Steinhauermeister, PFK 23.4.1871)
  • Niklaus Flury (Steinhauer, PGV 19.1.1973)
  • Daniel von Burg (Steinhauer, PGV 25.1.1874)
  • Johann Schaad Johanns (Steinbrecher, PGV, März 1874)
  • Johann Schaad (Steinhauer, PGV, März 1874)
  • Franz Schaad (Steinbrecher, PGV, März 1874)
  • Peter Fröhlicher (Steinhauermeister, PFK 8.4.1876)
  • Niklaus Flury (Steinhauer, PFK 23.12.1892)
  • Oswald Flury (Steinhauer, ASKS)
  • Niklaus Flury (Steinhauermeister, ASKS)
  • Peter Bitzi (Steinhauer, ASKS)
  • Adolf Flury (Steinhauer, BR 29.10.1930)

Ein Beschluss der Gemeindeversammlung von 1874 verdeutlicht den Einfluss der Steinindustrie: Von sechs neu bewilligten Bauplätzen auf der Allmend gehörten vier Personen dem Steinhandwerk an. Die Steinbrüche waren damit zentrale Arbeitgeber und trugen wesentlich zur Entwicklung des Dorfes bei.

Archäologische Funde in den Steinbrüchen

Der Abbau des Gesteins brachte auch Zeugnisse früherer Besiedlung ans Licht. 1936 wurden im Steinbruch Güpfi mehrere Gräber entdeckt. Es handelte sich um mit Steinplatten ausgekleidete Kistengräber mit Skeletten, die vermutlich aus dem Frühmittelalter stammen und den Burgundern oder Alemannen zugeordnet werden (4).

Darüber hinaus sind in der Umgebung römische Spuren nachgewiesen. In Gebieten wie dem Katzenstuden wurden Reste einer römischen Siedlung gefunden, darunter auch behauene Tuffsteine (4). Diese Funde zeigen, dass die Landschaft rund um Lommiswil bereits lange vor der neuzeitlichen Steinindustrie genutzt wurde.

Niedergang und heutige Spuren

Mit dem Wandel der Bauwirtschaft und neuen Materialien verlor der Steinabbau allmählich an Bedeutung. Einige Steinbrüche wurden aufgegeben oder zweckentfremdet. So diente die Käsigrube später als Schuttabladeplatz, andere Gruben wurden durch Holznutzung beeinträchtigt (3).

Heute erinnern nur noch wenige sichtbare Spuren an diese Zeit. Doch wer um die Geschichte weiss, erkennt im Gelände, in Bauwerken und in den Archiven die Zeugnisse einer Epoche, in der Lommiswil sein eigenes «Gold» aus dem Berg holte und damit überregionale Bedeutung erlangte.


Quellenverzeichnis

Titelbild: Bau des Schulhauses Lommiswil, 1922 – 1923. Quelle: Marlis Bähler

Erhard Flury: Lommiswil – Geschichte eines Dorfes am Fusse der Hasenmatt. Bürgergemeinde Lommiswil (Hrsg.) unter finanzieller Beteiligung der Einwohnergemeinde Lommiswil, 1992:

  1. Seite 234
  2. Seite 235
  3. Seite 237
  4. Seiten 34 & 35
  5. Seite 20
  6. Seiten 221 & 229
  7. Seite 315
  8. Seiten 221 und 229

Schwab, Ferdinand (1927): Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn und ihr Einfluss auf die Volkswirtschaft. Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Solothurnischen Handels- und Industrievereins. Solothurn: Buch- und Kunstdruckerei Vogt-Schild, S. 306–307.

8. Seiten 306 und 307