Ortsgschichte Lommiswil

Bäckerei & Café Sägesser

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Walter Sägesser sen.
  3. Marie Schneiter
  4. Walter Sägesser jun.
  5. Lädeli 1937 -1969
  6. Drei Autos im Dorf!
  7. Erster Umbau 1969
  8. 1975 – Heirat mit Katharina Sägesser
  9. Zweiter Umbau 1989
  10. Dreikönigskuchen
  11. Hundertjähriger Ofen
  12. 50 Jahre Sägesser
  13. 2001 – 2011
  14. Quellenverzeichnis
    1. Inhalt
    2. Bilder und Dokumente

Einführung

Die Bäckerei in der Hauptstrasse 16 wurde im Jahr 1904 von Johann Rätz eröffnet als Reaktion auf den Bau der Solothurn-Münster-Bahn. Rätz wollte Brot an die vorwiegend italienischen Arbeiter zu verkaufen, die in Baracken am Dorfrand lebten. Ab 1931 führte sein Sohn Fritz das Geschäft erfolgreich weiter. 1

Von 1931 bis 1933 wurde das Geschäft von P. Hiermeier geleitet, der es im selben Jahr an Johann Gutjahr-Mast übergab. 2

Im Jahr 1937 übernahmen Walter Sägesser und seine Frau, Marie Schneiter, die Bäckerei. 3 Gemeinsam mit ihrem Sohn, ebenfalls Walter genannt, führten sie eine umfassende Renovierung des Geschäfts durch, bei der die Bäckerei um ein Café erweitert wurde. Das Geschäft wurde 1969 unter dem Namen „Bäckerei-Café Sägesser“ wiedereröffnet.

Walter Sägesser sen.

Walter Sägesser erblickte am am 29. Januar 1906 als ältester Sohn von Fritz Sägesser das Licht der Welt. Seine Eltern führten in Messen eine Bäckerei, welche später vom jüngeren Bruder und dessen Nachkommen übernommen wurde.

Vom 22. Mai 1922 bis am 22. Mai 1924 erlernte Walter bei Hrn. Luginbühl in Bern den Beruf des Bäcker-Konditors. Die Bedingungen des Lehrvertrags können mit den heutigen kaum verglichen werden:

Ein Lehrgeld gab es keines. Ausserdem schuldete der Lehrling dem Lehrmeister im Falle einer Vertragsauflösung eine Konventionalstrafe von Fr. 100.– im ersten Lehrjahr bzw. Fr. 160.– im zweiten Lehrjahr. Der Ferienanspruch betrug nur acht Tage pro Jahr.

Der Lehrling schuldet dem Lehrherrn, sowie den übrigen Vorgesetzten pünktlichen Gehorsam. Er wird sich eines gesitteten Benehmens befleissen.“

„Dem Lehrling ist nicht gestattet, ohne Erlaubnis abends auszugehen, ebenso nicht Vereine und Versammlungen zu besuchen.“

Auszug aus dem Lehrvertrag von Walter Sägesser sen., 1922

Im Jahr 1927 besuchte Walter Sägesser den W.K. im I/49 II Zug. Die vielen Fotos lassen vermuten, dass die Angehörigen dieser Einheit eine gute Zeit hatten.

Walter Sägesser sen. hatte eine Kamera und machte sehr viele Fotos der Geschehnisse in der Umgebung, zum Beispiel Hochzeiten, Erstkommunionen und Firmungen. Die Bilder klebte er auf Packpapier und präsentierte sie im Schaufenster seiner Bäckerei (siehe Foto unten). Die Bewohner von Lommiswil hatten die Möglichkeit, Abzüge der Fotos zu bestellen.

Marie Schneiter

Marie Schneiter wurde am 20. März 1907 geboren und stammte aus Fahrni (BE).

Sie absolvierte die kantonale Land- und Hauswirtschaftliche Schule Waldhof-Langenthal.

Sie half bis ins hohe Alter in der Backstube aus und starb im Alter von 93 in ihrem Heim.

Walter Sägesser jun.

Dem Ehepaar Sägesser wurde 1946 ein einziger Sohn geboren, ebenfalls Walter genannt. 4

Fotos aus Walters Kindheit zeigen eine unbeschwerte Jugend im Kreise seiner Familie.

Walter Sägesser, ca. 1950. Quelle: Käthi Sägesser

Die Frauen der umliegenden Häuser wuschen einmal im Monat zusammen die Wäsche und hingen diese auf der Matte der Familie Bachmann an der Hauptstrasse 14 zum Trocknen auf.

Walter Sägesser jun. vor der Bäckerei seiner Eltern an der Hauptstrasse 16 in Lommiswil.
Zu dieser Zeit schmückte noch ein grüner Vorgarten den Eingang zum Geschäft.

Walter hegte ursprünglich den Wunsch, Pilot zu werden und verbrachte viel Zeit am Flughafen Grenchen, um den Flugbetrieb zu beobachten. Leider wurde ihm dieser Berufswunsch verwehrt, da es eine Regel gab, die es Einzelkindern untersagte, Pilot zu werden.

Daher entschied sich Walter, eine Lehre als Bäcker bei der Bäckerei Knaus in Oensingen zu absolvieren. Später setzte er seine Ausbildung an der Bäckerfachschule in Luzern fort. Darüber hinaus erwarb er als jüngster Kandidat das Wirtepatent, da zu diesem Zeitpunkt bereits Pläne für die Erweiterung der Bäckerei um ein Café geschmiedet wurden.

Lädeli 1937 -1969

Das Geschäft von Walter und Marie Sägesser verkaufte neben Backwaren auch Artikel des täglichen Gebrauchs wie Schuhbändel, Unterwäsche, Waschpulver und Wolle. Aber auch Fasnachtskostüme und Feuerwerkskörper gehörten zum Sortiment. Die Lommiswiler gingen nämlich nicht auswärts einkaufen, sondern bezogen alles im Dorf.

Walter war eine sehr fröhliche und aufgestellte Person. Seine Kundschaft im Tea-Room unterhielt er zuweilen mit Versen und Geschichten.

Schaufenster des Sägesser-Lädelis mit „Persil-Schild“.

Drei Autos im Dorf!

Viele Jahre lang verteilte Walter seine Ware mit dem Velo. Als er schliesslich sein erstes Auto kaufte, gehörte er zu den nur drei Personen im Dorf, die ein solches besassen. Neben ihm hatten nur der Metzger und die Familie Piquet ein eigenes Fahrzeug.

Während der Kriegsjahre war auch der Treibstoff rationiert. Der unten abgebildete Rationierungsschein für flüssigen Kraftstoff, ausgestellt für Walter Sägessers Auto mit dem Kontrollschild SO 3804, stammte aus dieser Zeit (September 1940). Das Autokennzeichen wurde übrigens nach Walter Seniors Tod auf seinen Sohn übertragen und ziert heute das Auto von Käthy Sägesser.

Erster Umbau 1969

In einer Siedlung im Holz lebte ein Architekt namens Alex Känel, der regelmässig in der Bäckerei Sägesser sein Brot kaufte. Eines Tages äusserte er beiläufig gegenüber Vater Sägesser: „Ihr solltet etwas für euren Sohn mit eurem Geld tun. Wie wäre es mit dem Bau eines Tea-Rooms?“

Aufgrund dieser Anregung wurde das Haus komplett umgebaut; es wurde ausgehöhlt, unterkellert und umstrukturiert. Es schien fast, als stünde es nur noch auf Stelzen, wie mir Käthy Sägesser erzählte. Die Bewohner von Lommiswil hätten sich nie träumen lassen, dass ihr Dorf eines der ersten Tea-Rooms in der Umgebung erhalten würde.

Am 5. Februar 1969 war es dann soweit: Das Café Sägesser wurde als „erste alkoholfreie Gaststätte“ im Dorf neu eröffnet.

Mit seinem topmodernen Look, der Jukebox und grosszügigen Terrasse entwickelte sich das Tea-Room Sägesser bald zu einem beliebten Treffpunkt für die Dorfbewohner. Die neu zugezogenen Frauen besuchten das Café meistens am Morgen, während die Senioren vorallem am Nachmittag zahlreich vertreten waren.

Abends kamen dann die Jugendlichen ins Tea-Room, um zu jassen und Musik zu hören. Es war immer sehr unterhaltsam! Der Umstand, dass im Tea-Room kein Alkohol serviert wurde, gab den Eltern zusätzliches Vertrauen, dass ihre Jungen dort sicher aufgehoben waren.

1975 – Heirat mit Katharina Sägesser

Eine dieser jungen Kundinnen war Katharina (Käthy), eine Arztgehilfin aus der Weststadt von Solothurn. Schon seit ihrer Jugend kannte sie die Bäckerei Sägesser, da ihre Eltern oft sonntags mit ihr und ihren Geschwistern mit dem Zug nach Lommiswil fuhren, um im Café Sägesser einzukehren. „Hier zu arbeiten, würde mir auch gefallen“, dachte Käthy.

Später, als sie das Autofahren beherrschte, besuchte Käthy oft mit ihren Freundinnen das Tea-Room. Dort war immer etwas los, und es gab viele junge Leute. Walter, der gelegentlich bei ihnen sass, gefiel Käthy. Während eines Gesprächs über die Zukunftspläne der jungen Frauen antwortete Käthy spontan: „Ich habe keine Ahnung, aber sicher werde ich nie eine Wirtin.“ Der arme Walti dachte, er müsse sich nun keine Hoffnungen mehr mit Käthy machen!

Der Kontakt blieb jedoch bestehen, und mittlerweile hatte sich Walter einen schnittigen „Mustang“ zugelegt. Eines Tages fragte Käthy Walter, ob sie einmal mit dem Auto mitfahren dürfe. Walter war sofort einverstanden, und so begann ihre Beziehung.

Im Jahr 1975 gaben sich die beiden in Solothurn das Ja-Wort.

Mit der Heirat stieg Käthy in das Geschäft ein und kümmerte sich mit großem Engagement und Begeisterung um das Tea-Room, das von 8.00 bis 23.30 Uhr durchgehend geöffnet war. Lediglich am Dienstag gönnten sich Walter und Käthy einen freien Tag, den sie immer ausserhalb verbrachten.

„Es war eine schöne Zeit“, blickt Käthy zurück. „Wir haben es gerne gemacht und Walti und ich haben gut zusammen harmoniert; sonst wäre es nicht gegangen. Das Führen des Geschäfts hat uns viel Freude bereitet, obwohl es streng war.“

Käthy Sägesser im Gespräch mit Simone Lewis, 14. Januar 2024

Zweiter Umbau 1989

Im Jahr 1989 stand erneut ein Umbau bevor. Auf Empfehlung eines auf Ladenumbauten spezialisierten Innenarchitekten wurde ein Durchgang zwischen der Bäckerei und dem Tea-Room geschaffen. Dies ermöglichte den Gästen im Tea-Room, die köstlichen Patisserien im Laden zu sehen und ermutigte die Ladenkunden dazu, noch eine Tasse Kaffee im Tea-Room zu geniessen. Die Inneneinrichtung des Ladens wurde erneuert und die Sitzmöbel und Polsterung der Sitzbänke ersetzt.

Das Café nach dem Umbau (Firma Gysin) in 1990.

Während des einmonatigen Umbaus wurde Rita Meier, die zuvor im örtlichen Coop als Verkäuferin gearbeitet hatte, als Aushilfe im Bäckereiladen eingestellt. Aus dem ursprünglich nur für ein paar Monate geplanten Engagement wurden schliesslich mehr als zwölf Jahre! Später half Esther Rihs im Laden mit.

Der Umbau war ein grosser Erfolg. Dank des neu geschaffenen Durchgangs zwischen der Bäckerei und dem Tea-Room verdoppelte sich der Umsatz. Aufgrund dieses Erfolgs mussten Käthy und Walter Sägesser nach zusätzlichen Mitarbeitern Ausschau halten.

Herr Albert Stilhart, der kurz zuvor sein eigenes Bäckereigeschäft verkauft hatte, unterstützte Walter 17 Jahre lang jeden Mittwoch und Samstagmorgen in der Backstube. Schulmädchen verdienten sich an schulfreien Mittwochnachmittagen Taschengeld, indem sie Bleche und Geschirr abwuschen.

Eine gewaltige Stütze für das Geschäft waren auch Claudia Adam, die Nichte von Käthi Sägesser, und ihre Familie. Claudia übernahm die Verantwortung für den Laden und das Tea-Room von 1989 bis zur Schliessung des Geschäfts und war an jedem Montag und Samstagmorgen im Einsatz. Sie bediente, verkaufte und sprang ein, wenn Käthy und Walter sie benötigten.

Im Dezember kam Claudias Vater, Jakob Zobrist, beinahe täglich in die Backstube und stand Walter tatkräftig zur Seite. Claudias Mutter half am Wochenende ebenfalls im Service. Und während der „Dreikönigskuchen-Saison“ fand sich die gesamte Familie im Einsatz. – Sogar Claudias Ehemann war mit von der Partie!

Käthy kannte ihre Kundschaft und nahm sich stets Zeit, um mit ihnen ein paar Worte zu wechseln.

„Menschen eine Freude machen – das war das Schönste für Walti und mich.“

Käthy Sägesser, 2024

Dreikönigskuchen

Über die Jahre perfektionierte Walter seine Dreikönigskuchen. Aus der ganzen Region strömte die Kundschaft, um einen der begehrten Kuchen am 5., 6. oder 7. Januar zu ergattern.

Das „Rundschleifen“ der einzelnen Hefeteigkugeln war jedoch ein Chrampf, weshalb sich Walter zum Kauf einer „Erika“-Maschine entschloss. Diese konnte den Teig-Bölleli innerhalb weniger Sekunden eine ebenmässige Oberfläche geben. Doch leider fiel das Resultat nicht wie gewünscht aus.

Die Stubers vom Restaurant Lamm erschienen an den drei aufeinanderfolgenden Tagen stets in den frühen Morgenstunden, um sich Königskuchen zu sichern. Beatrice Stuber fragte: „Habt ihr den Königskuchen schon gestern gebacken? Er schmeckt einfach nicht so gut wie gewohnt.“ Und tatsächlich, der Kuchen war nicht so luftig wie sonst. Walti musste wieder zur Handarbeit zurückkehren.

Käthy Sägesser erklärte: „Der Kuchen wurde dreimal mit drei verschiedenen Zutaten bestrichen. Er war klebrig und süss. Man konnte nicht nur ein einziges Stück essen. Der Kuchen war so köstlich, dass die Leute bereits auf dem Heimweg davon assen und nochmals umkehrten, um sich einen weiteren zu holen.“

Der Erfolg der Königskuchen brachte Walter Sägesser und sein Team an ihre Grenzen. Allein am 6. Januar wurden über tausend Stück verkauft!

Hundertjähriger Ofen

Die Backwaren wurden durch den Einsatz des hundertjährigen Schamottstein-Ofens speziell gut.

Bereits am Vorabend musste Walter Sägesser den Ofen eine halbe Stunde lang vorheizen und frühmorgens auf die Höchsttemperatur bringen. Die Steine speicherten die Wärme und gaben sie langsam an das Backgut ab. Zuerst wurden die Brote gebacken, dann, bei abnehmender Temperatur, die Mütschli, Gipfeli und schliesslich die Patisserie.

Der Ofen durfte nie erkalten, weshalb die Sägessers nie lange Ferien nehmen konnten. Walter konnte anhand der optischen Erscheinung der Steinplatten feststellen, ob alle Seiten gleich heiss waren. Eine wahre Wissenschaft!

50 Jahre Sägesser

Im Juli 1987 feierten Walter und Käthi Sägesser das 50-jährige Bestehen der Bäckerei Sägesser. Es gab Berliner zum halben Preis von 50 Rappen.

2001 – 2011

Zehn Jahre vor Walters Pensionierung wurde beschlossen, das Café abends zur gleichen Zeit wie der Laden, um 18.30 Uhr, zu schliessen. Es gab jedoch eine Ausnahme für die örtlichen Vereine, die über viele Jahre hinweg treue Kunden waren.

Am Montagabend öffnete das Café wieder um 21.45 Uhr für den Frauenturnverein. Gelegentlich besuchte auch die Damenriege am Mittwochabend das Lokal für belegte Brötchen, und am Donnerstagabend kehrte der Kirchenchor nach seiner Probe im Sägesser ein.

Im April 2011 ging der 107-jährige Ofen in der Backstube dann endgültig aus und das Café, das über viele Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Treffpunkt für die Lommiswiler Bevölkerung gewesen war, schloss seine Türen.

Danke für alles, Käthi und Walti!

Walter und Käthi Sägesser im Laden, unbekanntes Datum, Quelle: Käthi Sägesser

Quellenverzeichnis

Inhalt

  1. „Lommiswil – Die Geschichte eines Dorfes am Fusse der Hasenmatt“ von Erhard Flury; Herausgeber: Bürgergemeinde Lommiswil; Herstellung: Jeger-Moll, Druck und Verlag AG, Breitenbach; Veröffentlichungsjahr 1992, Seite 229 ↩︎
  2. „Lommiswil – Die Geschichte eines Dorfes am Fusse der Hasenmatt“ von Erhard Flury; Herausgeber: Bürgergemeinde Lommiswil; Herstellung: Jeger-Moll, Druck und Verlag AG, Breitenbach; Veröffentlichungsjahr 1992, Seite 229 ↩︎
  3. „Lommiswil – Die Geschichte eines Dorfes am Fusse der Hasenmatt“ von Erhard Flury; Herausgeber: Bürgergemeinde Lommiswil; Herstellung: Jeger-Moll, Druck und Verlag AG, Breitenbach; Veröffentlichungsjahr 1992, Seite 229 ↩︎
  4. Interview mit Katharina Sägesser, 5. Januar 2024. ↩︎

Bilder und Dokumente

Die hier verwendeten Medien wurden von den unten aufgeführten Quellen zur Veröffentlichung auf dieser Webseite genehmigt.

  • Hauptbild von Bäckerei Rätz: Postkarte im Besitz von Simone Lewis, unbekannter Fotograf
  • Alle Fotos und Unterlagen über die Familie Sägesser: Käthi Sägesser
  • Foto von Käthi Sägesser im Kapitel „1975 – Heirat…“: Simone Lewis
  • Fotos von Jakob Zobrist und Claudia Adam im Kapitel „Zweiter Umbau 1989“: Claudia Adam