Inhaltsverzeichnis
- Ein Blick auf die Geschichte
- Vom Bannwart zum Förster
- Holzführen – Rückepferd
- Der Wald im Konflikt und Wandel
- Vom Bannwart zur modernen Forstwirtschaft
- Und heute…
- Interview mit Alfred Camenzind, ehemaliger Förster von Lommiswil
- Quellenverzeichnis
Ein Blick auf die Geschichte
Lommiswil liegt am Jurasüdfuss auf 565 müM und umfasst eine Gemeindefläche von 5,8 km². Das Dorf wird im Osten vom Busletenwald und im Westen vom Lochbachtal begrenzt. Das nördliche Gelände erreicht mit 1360 müM den höchsten Punkt an der Hasenmattwiese.

Der erste Wirtschaftsplan für die Waldungen von Lommiswil wurde im Jahr 1884 erstellt.
Im Wirtschaftsplan von 1936 ist folgendes zu lesen: «Der ganze Gemeindewald von Lommiswil gehörte früher dem Staate Solothurn, die Gemeinde besass nur das Nutzungsrecht. Erst im Jahr 1840 wurde die Bürgergemeinde Eigentümerin dieser Waldungen. Damals trat ihr der Staat 658 Jucharten Wald ab. Lange Jahre ist der Wald unverändert geblieben. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts hat er eine Vergrösserung erfahren durch die Aufforstung von 5.82 ha Allmendland.»
Französische Besatzung
Die französische Besetzung ab 1798 brachte tiefgreifende Veränderungen für die Forstwirtschaft. Solothurn wurde in die Helvetische Republik umgewandelt und stand unter französischer Kontrolle. Wälder wurden zu Nationalgütern erklärt, und die Rechte der Gemeinden an den Wäldern wurden stark eingeschränkt. Die Franzosen nutzten die Wälder für ihre Kriegsführung. Grossflächig wurden Bäume in den Wäldern, um ihren Bedarf an Befestigungsanlagen, Brückenbau und Feuerholz zudecken, gefällt.
Solothurn und die umliegenden Gemeinden, darunter Lommiswil, litten unter den wirtschaftlichen und sozialen Belastungen der Besatzung. Zwangsrekrutierungen, Abgaben von Heu und Holz, hohe Steuern sowie Plünderungen und Beschlagnahmungen von Nahrungsmitteln verschärften die Notlage.
Im Dezember 1799 wurde von den Franzosen vom Kanton Solothurn und ihren Gemeinden 500 Arbeiter zum Bau von Schanzen gefordert. Bei Weigerung wurde angedroht, dass eine gewaltsame Aushebung erfolgen würde. Des Weiteren erhielt die solothurnische Verwaltungskammer am 11. Dezember 1799 den Befehl, sofort 4000 Kilozentner Heu zu liefern. Falls die Lieferung nicht innerhalb von acht Tagen erfolgt, wurde mit Exekution gedroht.
Grenchen und Lommiswil wehren sich
Die Verfügung, die rückständigen Zehnten und Bodenzinse der Jahre 1789-1800 sofort zu begleichen traf auf Widerstand der Bauern im Kanton. Die Bewohner der Dörfer Grenchen und Lommiswil beschlossen an der Gemeindeversammlung, keine Abgaben zu entrichten. Ihre Begründung war, dass sie die Regierung und damit auch ihre Beschlüsse bloss als provisorisch ansähen. Die Gemeinde Lommiswil erhielt kurz darauf wegen Bodenzinsrückständen eine Exekutionsmannschaft.
Lommiswil: Die Urversammlung 1799
Am 20. September 1799 fanden die Urversammlungen für die Ergänzungswahlen in den verschiedenen Ämtern statt. In vielen Dörfern traten die Geistlichen als Sekretäre auf, obwohl sie laut Gesetz nicht an der Wahl teilnehmen durften. Das Volk wählte diejenigen aus, von denen es hoffte, dass sie die Interessen des Dorfes am besten vertreten würden. Die Urversammlung in Selzach-Lommiswil dauerte von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Die Anwesenheit von Geistlichen, die trotz Verbots als Sekretäre fungierten, unterstreicht die Bedeutung dieser Versammlung.
Vom Bannwart zum Förster
Der Försterberuf hat eine lange Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Der Begriff „Bannwart“ war die älteste Bezeichnung für Förster und hatte zu dieser Zeit einen polizeilichen Charakter. Ihre Aufgabe war es, die Nutzung der Wälder zu überwachen und Holzdiebstähle zu verhindern. Die Jäger ergänzten die Wächter, indem sie für die Pflege der Tierwelt verantwortlich waren. Vor etwa 250 Jahren wurden diese Aufgaben kombiniert, wodurch der heutige Beruf des Försters entstand.
Das «Bannwartenampt» wurde erstmals 1377 überliefert. Über die Pflichten eines damaligen Bannwarten gibt uns ein Bericht von 1464 Auskunft. Die Wahl der Bannwarte war eng mit der lokalen Verwaltung verknüpft. Damals gab es keine besonderen Voraussetzungen für das Amt des Bannwartes. Oftmals waren die Amtsinhaber weder lesen noch schreiben kundig.
Nur markiertes Holz, welches durch ein Schlagzeichen mit einem sogenannten Waldhammer gekennzeichnet war, durfte gefällt werden. Bei Holzfrevel erhielten die Bannwarte, wenn sie den Dieb erwischten, oft ein Drittel der Strafgelder. Diese Autorität führte jedoch zu Konflikten mit den Dorfbewohnern, die ihre Rechte durch die Bannwarte beschnitten sahen. Manche Bannwarte baten deshalb um ihre Entlassung, da sie Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt waren.
Am Leberberg begann auch Lommiswil; «nach dem Beyspiele der übrigen Gemeinden ohne Anfrage und Bewilligung nach Gutdünken in den Waldungen Holz zu fällen und sogar dem vom Forstbureau bestellen Holzbannwarth durch Drohungen von genauerer Erfüllung seiner Pflicht abzuschrecken.»
Eine zentrale Forderung der Gemeinden war, dass nur vom Volk gewählte Vertreter die Forstverwaltung übernehmen sollten. Die Stadtgemeinde ignorierte die Forderungen der Dorfbewohner und setzte eigene Bannwarte ein. Als die Gemeinden dennoch Holz fällten oder das von der Stadt geschlagene Holz konfiszierten, eskalierten die Konflikte.

Die Werkzeuge – Gestellsäge, Holzhobel und -schraubzwinge – stehen für die Holzverarbeitung im 18. Jh. Nach der Holzfällung im Dorfwald wurden die Stämme mit solchen Geräten zu Brettern, Balken und Alltagsholz verarbeitet, die für Häuser, Ställe und einfache Gerätschaften im Dorf benötigt wurden.
Mit der Bewirtschaftung des Waldes entstanden zusätzliche Berufe wie Flösser, Schindelmacher, Sägemüller, Ziegelherstellung, Zimmerer, Glaser und Köhler. Diese Handwerke bildeten eine wichtige Einkommensquelle für die Dorfbevölkerung.

Bannwart Wolfgang Flury
Die Rolle der Bannwarte war mit grossen Herausforderungen verbunden, nicht zuletzt wegen der geringen Entlohnung. Im Jahre 1809 wurde die jährliche Besoldung von Durchschnittlich Fr. 100.– durch den Grossen Rat genehmigt. Häufig mussten sie zusätzliche Arbeiten übernehmen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Trotz dieser widrigen Umstände erfüllte Wolfgang Flury, Bannwart in Lommiswil, seine Aufgaben mit Fleiss:
„Wolfgang Flury der Holtzweibel zu Lommiswyl kein Salarium geniesst, auch von seinem Dienst sonst nichts zu beziehen hat nichtsdestoweniger aber mit unermüedeter Embsigkei jederzeit seine disorthige Schuldigkeit erfüllet. Ihm wurde je ein Mütt Korn und Hafer gnädigst zugesprochen.„
Bannwart Walter Stuber (gest. 1949)
Wie gefährlich die Arbeit im Wald ist, zeigt der Nachruf auf Walter Stuber, der neben seiner Rolle als Wirt des Restaurants Lamm ab 1940 auch als Bannwart für die Gemeinde Lommiswil tätig war. Er verunglückte 1949 beim Holzfällen tödlich.

Gemeindeförster Hugo Gisler
Hugo Gisler war ein engagierter und geschätzter Gemeindeförster der Bürgergemeinde Lommiswil. Im Jahr 1988 wurde er für seine beeindruckende 39-jährige Tätigkeit in dieser Funktion geehrt. Während dieser langen Zeit prägte er den Wald und die Forstwirtschaft der Region massgeblich. Sein Wissen und seine Erfahrung machten ihn zu einer zentralen Figur in der Gemeinde.

Tagebuch eines Bannwarts
Ein altes Tagebuch enthält detaillierte Aufzeichnungen über den Forstbetrieb, Wetterbedingungen und Begegnungen im Wald. Leider ist der Verfasser des Tagebuches unbekannt. Auf jeden Fall sind diese Aufzeichnungen ein einzigartiges Zeugnis der lokalen Forstgeschichte. Ab dem 1. Oktober 1958 bis zum 28. September 1962 wurde es geführt. Ein wertvolles historisches Dokument, das Einblick in die Arbeit eines Försters in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt.
Der Schreiber dokumentiert minutiös die Arbeiten und Herausforderungen im Wald:

- Pflegearbeiten: Durchforstungen, Jungwuchspflege und Säuberungsarbeiten.
- Konflikte: Holzfrevel und Streitigkeiten beim Holzverkauf.
- Witterungsbedingte Schäden: Der Bannwart beschreibt die Auswirkungen von Dürren, Windwürfen und Schnee.
Der Eintrag vom 15. April 1959 schildert den Diebstahl von zwei Fichten:
«In Abteilung 2 (ob Reservoir) wurden von Dienstag auf Mittwoch zwei Fichten am Stock umgeschnitten. (Frevel). Eine liessen die Halunken liegen, (schlechte einseitige Krone) die andere nahmen sie mit, nach dem sie zwei Stück abgeschnitten hatten. Offenbar war das «Maitannli» zu schwer. Ich vermute, dass dieses «Bäumchen» als Maitannli Verwendung findet. Nächtlicher lauer Gan in diesem Gebiet. Man kann ja nie wissen was, vermuten muss man allerlei.»
Der letzte Eintrag stammt vom 28. September 1962 und bildet einen wertvollen Abschluss dieses sorgfältig geführten Tagebuchs.
Holzführen – Rückepferd

Das Holzführen des geschlagenen Holzes aus dem Wald bei Lommiswil übernahmen vor allem die Lommiswiler Bauernfamilien. Rössli Peter und Adolf erinnern sich noch gut an die gefährlichen Holzschleifarbeiten mit den robusten, muskulösen Pferden, die für ihre Kraft und Ausdauer bekannt waren. Sie verfügten über ein ruhiges Gemüt, Gehorsam und Zugkraft. Diese kräftigen Tiere mussten auf unwegsamem und oft rutschigem Gelände zuverlässig arbeiten.
Das Holz, an den Zug des Pferdes gebunden, war besonders im Winter eine gefährliche Arbeit, da das schwere Holz an Fahrt gewann und nur mit einem Eisenhaken oder -schuh gebremst werden konnte.


Mit dem Einsatz der modernen, motorisierten Maschinen ging der Einsatz von Pferden im 20. Jahrhundert zurück.
Der Wald im Konflikt und Wandel
Jahrhundertelang war der Wald eine lebenswichtige Rohstoffquelle. Besonders der hohe Bedarf an Bauholz, Brennstoff und Holzkohle für Gewerbe und Handwerk führte zu massiver Übernutzung. Zusätzlich erhöhten die kühleren Temperaturen und der härtere Winter im 17. Jahrhundert den Holzverbrauch. Bauern trieben Schweine und anderes Vieh in die Wälder, damit sie sich von Bucheckern und Eicheln ernähren konnten. Auch wirtschaftliche Interessen von Klöstern, Gemeinden, der wachsenden Bevölkerung und der landwirtschaftlichen Industrialisierung trugen zur Belastung der Wälder bei. Die begrenzten Ressourcen führen zu dauerhaften Konflikten zwischen Stadt und Umland.

Vom Bannwart zur modernen Forstwirtschaft
Die Geschichte der Forstwirtschaft in Lommiswil und Solothurn spiegelt die komplexe Entwicklung wider, die von mittelalterlichen Waldhütern bis zur modernen Forstverwaltung reicht. Die Konflikte zwischen Stadt und Land, die Rolle der Klöster und die Herausforderungen der Helvetik zeigen, wie eng die Waldnutzung mit gesellschaftlichen und politischen Veränderungen verknüpft war.
Dank der Dokumentationen sowie dem Tagebuch des Bannwarts bleibt diese Geschichte lebendig und zeigt die Bedeutung des Waldes als Ressource, Arbeitsplatz und Konfliktherd.




Und heute…

Interview mit Alfred Camenzind, ehemaliger Förster von Lommiswil
Was faszinierte dich an der Arbeit im Wald und speziell in unserer Gemeinde Lommiswil?
In der Zeit von 1989-2005 war ich Förster in der Gemeinde Lommiswil. Besonders schätze ich die Dorfbevölkerung, welche die Wichtigkeit des Waldes als ökologisches Gesamtsystems und Lebensraum sieht. Zudem durfte ich zu meiner Amtszeit immer auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen.
Was sind die grössten Herausforderungen für unsere Wälder?
Die grössten Herausforderungen, die ich sehe, liegen in den ständig wechselnden Anforderungen der Gesellschaft sowie in der zunehmenden Beanspruchung der Wälder durch vielseitige Freizeitaktivitäten. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels und die Umweltschadstoffe, die dem Waldboden und demzufolge den Bäumen in unseren Wäldern zusetzen. Besonders die heissen, trockenen Sommer stellen eine grosse Belastung für die Bäume dar, was ihnen erheblichen Stress bereitet. Dies lässt sich deutlich an den bereits im Juli gelb verfärbten Blättern erkennen.
In den letzten Jahrzehnten sind deshalb Baumarten wie die Fichte, Tanne und Buche vermehrt von Krankheiten und Schädlingen betroffen. Dies hat zu einem Rückgang der Nadelhölzer geführt, insbesondere bei der Weisstanne und der Fichte.
Hast Du einen Lieblingsplatz im Wald unserer Gemeinde, und was macht diesen Ort für Dich so besonders?
In der Nähe des Gsässchöpfli nahe der Krete gibt es ein Plätzchen von wo man über die gesamte Landschaft blicken kann.
Welche Botschaft hast du an uns?
Ich wünsche mir mehr Interesse und Bewusstsein für unseren Lebensraum Wald. Es wäre wichtig, dass wir uns intensiver mit unserer Umgebung befassen – zum Beispiel damit, was der Wald braucht, was er uns liefert und wie die verschiedenen Gebiete innerhalb des Waldes bezeichnet werden. Leider habe ich den Eindruck, dass heutzutage zu oft Desinteresse und Sorglosigkeit herrschen, wenn es um den Wald und seine Bedürfnisse geht.
Alfred Camenzind persönliches Interview geführt am 25.01.2025 von G. von Burg-Baschung

Quellenverzeichnis
- https://de.wikipedia.org/wiki/Lommiswil
- https://www.planetwissen.de/natur/naturschutz/foersterberuf
- www.grube.de
- https://de.wikipedia.org/wiki/Rückepferd
- Alfred Blöchlinger: Forstgeschichte des Kantons Solothurn von ihren Anfängen bis 1931. Forstorganisation bis 1995. Herausgegeben vom Regierungsrat des Kantons Solothurn (Vogt-Schild AG), Solothurn 1995
- Johann Mösch: Der Kanton Solothurn zur Zeit der Helvetik. S.A. aus dem Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, Solothurn, 1939
- Erhard Flury: Die Geschichte eines Dorfes am Fusse der Hasenmatt. Herausgegeben von der Bürgergemeinde Lommiswil, 1992
- Tagebuch eines Bannwarts – Quelle – Dokument – Camenzind Alfred
- Bildmaterial – Peter von Burg, Alfred Camenzind, Johanna Waldburger-von Burg, G. von Burg-Baschung
