Ortsgschichte Lommiswil

Der Grütliverein

Inhaltsverzeichnis


Im Adressbuch für die Stadt und den Kanton Solothurn aus dem Jahr 1898 (Band 1898-99) stösst man unter der Rubrik „Vereine und Genossenschaften“ in Lommiswil auf einen Verein, der heute vergessen ist: den Grütliverein.

Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Dorfverein aussieht, ist ein interessantes Stück Solothurner Sozialgeschichte. Basierend auf historischen Untersuchungen zum Grütliverein im Kanton Solothurn von Jean-Maurice Lätt können wir ein recht genaues Bild davon zeichnen, wer die Lommiswiler waren, welche diesem Verein angehörten, und was sie bewegte.

Der Schweizerische Grütliverein: Die Wiege der Arbeiterbewegung

Bevor wir uns ansehen, wie sich die Mitglieder des Vereins in Lommiswil organisierten, lohnt sich ein Blick auf das grosse Ganze: Was war eigentlich der Grütliverein, der im 19. Jahrhundert die halbe Schweiz mobilisierte?

Gründung in der Ferne

Interessanterweise wurde der Grütliverein nicht in der Innerschweiz, sondern am 20. Mai 1838 in Genf gegründet. Eine Gruppe von heimatverbundenen Ostschweizern (darunter Appenzeller, Glarner und Zürcher) rief ihn ins Leben. Der Name „Grütli“ ist dabei die altschweizerische Form von „Rütli“ – man wählte diesen Namen ganz bewusst, da der Verein eine brüderliche Vereinigung aller Schweizer über die Kantonsgrenzen hinweg anstrebte, ähnlich dem historischen Rütlischwur.

Das Motto „Durch Bildung zur Freiheit“

Der eigentliche Vater der Grütli-Ideologie war Albert Galeer, der die Vereinsleitung 1841 übernahm. Er prägte das Leitmotiv des Vereins: „Durch Bildung zur Freiheit“. In seinen frühen Jahren war der Grütliverein kein politischer Kampfbund, sondern in erster Linie ein Bildungsverein. Das Ziel war es, jüngere Männer aus dem Handwerker-, Bauern- und Arbeiterstand durch Bildung zu verantwortungsbewussten, national denkenden Staatsbürgern zu erziehen.

Patriotismus statt Klassenkampf

Die Grütlianer waren glühende Patrioten. Sie waren stolz darauf, dass die Schweiz damals die einzige Republik in einem von Fürsten beherrschten Europa war. Sie kämpften vehement gegen den föderalistischen „Kantönligeist“ und setzten sich für eine starke nationale Einheit ein.

Anders als spätere Arbeiterbewegungen wollten die Grütlianer die Standesunterschiede nicht durch eine Revolution, sondern durch „nationale Versöhnung und Verbrüderung“ überwinden. Der Arbeiter sollte durch Bildung und staatliche Reformen auf die Stufe eines unabhängigen Mittelstandes gehoben werden.

Der Wandel zur politischen Kraft

Mit der fortschreitenden Industrialisierung wandelte sich der Verein. In den 1860er und 1870er Jahren wurde die „ökonomische Befreiung“ der Arbeiter immer wichtiger. Der Grütliverein begann, konkrete politische Forderungen zu stellen, kämpfte an vorderster Front für Arbeiterschutzgesetze (wie das eidgenössische Fabrikgesetz) und wandte sich zunehmend von den traditionellen liberalen Parteien (dem Freisinn) ab, da ihm diese zu „kalt“ und unternehmerfreundlich geworden waren. Die Grütlianer vertraten stattdessen einen „Liberalismus des Herzens“ und des Mitgefühls für die Schwachen.

Wie der Grütliverein nach Lommiswil kam

Wie aber fand diese nationale Bewegung ihren Weg nach Lommiswil?

Lange Zeit spielte der Grütliverein im Kanton Solothurn nur eine sehr bescheidene Rolle. Bis 1872 gab es lediglich in Solothurn und Olten zwei sogenannte „Handwerkervereine“, in denen sich eher gut situierte Meister trafen, Arbeiter waren dort noch keine zu finden. Doch in den 1870er Jahren wendete sich das Blatt radikal. Die Industrialisierung erfasste die Region, und mit der Gründung der Sektion Grenchen im Jahr 1872 begann die Ära der reinen Arbeitersektionen.

Das Beispiel der kämpferischen Grenchner Arbeiterschaft wirkte enorm anspornend auf die ganze Region. Rasch entstanden neue Sektionen, besonders im Bezirk Lebern, wo sich eine stark zusammenhängende Gruppe bildete.

1876: Die Gründung in Lommiswil

In dieser Aufbruchstimmung war es im Jahr 1876 auch in unserem Dorf so weit: Der Grütliverein Lommiswil wurde aus der Taufe gehoben.

Was die Sektion in unserem Dorf besonders interessant macht, ist ihre Zusammensetzung. Während in anderen Sektionen wie Derendingen die Spinnereiarbeiter dominierten, hatte Lommiswil ein anderes Profil: Hier waren es vor allem die Uhrenarbeiter und die Holzarbeiter, die sich zusammenschlossen. Die Uhrenindustrie der Umgebung prägte zunehmend die soziale Struktur des Dorfes, wie auch spätere Einträge im Adressbuch von 1898 belegen.

Dieses listet für Lommiswil zwar diverse Handwerker wie Schuhmacher, Schreiner („Zimmerleute“) und Steinhauer auf, aber die Uhrenindustrie (insbesondere durch die Nähe zu Langendorf und Grenchen) prägte zunehmend die soziale Struktur. Die Lommiswiler Grütlianer waren also jene Arbeiter, die oft früh morgens in die Fabriken der Umgebung gingen oder in Heimarbeit tätig waren.

Der Grütlianer, 16.11.1906. E-Newspaper Archives. https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=d&d=GTR19061116-01.2.1 (abgerufen am 6.03.2026).

Wo trafen sie sich?

Das Vereinsleben fand fast immer in einem Wirtshaus statt. Oft war der Wirt selbst Mitglied oder sympathisierte mit der Sache. Im Adressbuch 1898 sind für Lommiswil vier Wirte aufgeführt:

  • Probst Leo (Restaurant Rössli)
  • Schneitter Paul (Restaurant Tannegg)
  • Stuber Adolf (Restaurant Lamm)
  • Wingeier Jakob (Restaurant Bären)

In einer dieser Gaststuben wird wohl das Vereinslokal der Grütlianer gewesen sein, wo auch die Vereinsfahne aufbewahrt wurde – ein Heiligtum, für das die Mitglieder oft jahrelang sparten.

Bildung statt nur Geselligkeit

Was machten die Mitglieder, wenn sie sich trafen? Getreu dem Motto „Durch Bildung zur Freiheit“ ging es in den Zusammenkünften wohl weniger ums Festen, sondern um Bildung.

  • Zeitungslektüre: In den Vereinslokalen lagen oft diverse Zeitungen auf, die gemeinsam gelesen und diskutiert wurden.
  • Bibliothek: Viele Sektionen führten eine eigene Bibliothek. Man las nicht nur Unterhaltungsliteratur, sondern auch politische und historische Werke.
  • Diskussion: Es wurde debattiert – über das Fabrikgesetz, über Löhne und über die „soziale Frage“.
Fahne des Grütlivereins Arosa, 1897 (Rätisches Museum, Chur). Von Adrian Michael – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25565023

Ein Verein im politischen Sturm

Die Blütezeit der Solothurner Grütlivereine war in den 1870er- und 1880er-Jahren. Damals kämpften sie für das Fabrikgesetz und gerieten oft in Konflikt mit den freisinnigen „Fabrikherren“. „Seht zu, wie sie’s treiben, die Herren des Geldes und der Macht, und rafft euch auf!“ rief der Präsident der Grütlisektion Derendingen seinen Vereinsbrüdern zu. „Vereinigt euch zu einer sozialdemokratischen Partei, denn am faulen Liberalismus habt ihr weder Stütze noch Habe. Er hält euch für die Narren und missbraucht euer Vertrauen.“

Um 1890 kam es zum grossen Knall: Viele aktive Grütli-Sektionen gingen in der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei (SP) auf, da ihnen der Grütliverein zu wenig politisch durchgreifend war. 1901 fusionierte der Grütliverein mit der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) in der sogenannten «Solothurner Hochzeit».

Die Grütli-Krankenkasse

Warum aber existierte der Lommiswiler Grütliverein 1898 immer noch unter diesem Namen, obwohl sich die politische Landschaft stark verändert hatte und viele Arbeiter bereits zur neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei (SP) tendierten?

Die Antwort liegt höchstwahrscheinlich in der Grütlikrankenkasse. Sie entstand 1872 auf Initiative der Oltner Sektion und behielt ihren Namen bis 1995, als sie zur ‚Visana‘ wurde.

Für die Lommiswiler Arbeiter, die keinen gesetzlichen Schutz genossen, war diese Krankenkasse existentiell. Wer krank wurde und nicht arbeiten konnte, stand ohne Lohn da. Die Grütlikrankenkasse bot hier eine Absicherung, die weit über politische Ideale hinausging. Historiker betonen, dass gerade in den späten Jahren des Vereins viele Mitglieder „in erster Linie wegen der Krankenkasse dem Verein angehörten“ oder „den Anschluss an die Krankenkasse suchten“.

In anderen Worten: Man blieb Grütlianer, weil man es sich schlicht nicht leisten konnte, den Versicherungsschutz zu verlieren.


Quellenangaben

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