Ortsgschichte Lommiswil

Bambys Flucht und Heimkehr (1963)

Die nachfolgende Geschichte, geschrieben von Marcel Weya, wurde am 15. September 1963 unter dem Titel „Bambys Flucht und Heimkehr“ in der Zeitung „Der Sonntag“ publiziert.


„Eine Tiergeschichte recht eigener Art weiss der Bezirksschüler Paulus aus dem Solothurnischen zu erzählen.

Im Heuet 1960 fand sein Vater beim Mähen von Heugras ein etwa zehn Tage altes Rehkitz, das leider schwer verletzt war. Der herbeigezogene Wildhüter äusserte die Meinung, das Tier sollte sofort abgetan werden. Paulus, ein Tierfreund mit Leib und Seele, hatte das hilflose, niedliche Wesen bereits so liebgewonnen, dass er sich entschloss, für das junge Tierleben zu kämpfen. Der Tierarzt wurde gerufen, und „Bamby“ erhielt regelmäßig die Milchflasche mit dem „Nuggi“ vorgesetzt. Bamby erholte sich von seinem Unfall, wuchs allmählich zum Grosstier heran, wurde immer zutraulicher und leckte seinem Pfleger regelmässig den Kopf. Eltern und Geschwister, ja die ganze Dorfbevölkerung freute sich, wenn Bamby seinem Meister auf Spaziergängen, ohne Leine, in voller Freiheit folgte und wieder mit ihm nach Hause kam.

Paul Schaad mit Bamby und ihren Nachkommen.
Quelle: Paul Schaad, aus „Der Sonntag“ vom 15. September 1963

Als Bamby etwa zwei Jahre alt und somit nicht mehr ein Kleinkind, sondern eine Jungfrau war, hatte es Sehnsucht nach dem andern Geschlecht – es war Brunstzeit! Für Paulus kam die große Enttäuschung. An einem Maienabend des Jahres 1962 blieb die Türe des Geheges ungewollterweise offen, und am andern Morgen war Bamby weg – auf Nimmerwiedersehen. Die folgenden Monate waren für Paulus und seine Familie eine schwere Zeit. Sie gaben die Hoffnung nicht auf. In der Tat meldete man im Herbst, es seien mehrfach verschiedene Rehe gesehen worden in der Nähe des Hauses. Das veranlasste den unermüdlichen Paulus, in den Anstrengungen nicht nachzulassen.

Auch Anna und Hans Schaad, damals 6 und 8-jährig, halfen bei der Pflege von Bamby mit.
Fotoquelle: Anna Schaad

Als im November 1962 der erste Schnee im Tal gefallen war und wiederum Meldungen über Rehherden eingingen, organisierte Paulus mit drei weiteren Helfern eine systematische Suchaktion. Vor den südlich des Dorfes gelegenen Wäldern, also viele hundert Meter von zu Hause entfernt, entdeckten die Sucher eine Gruppe von vier Rehen. Paulus näherte sich mit Herzklopfen immer mehr den Tieren, seine Hände gefüllt mit Nahrung. War sein Liebling dabei oder nicht? Die Tiere blieben ruhig. Nun musste der entscheidende Moment kommen: Auf Paulus’ Ruf: „Bamby!“ entfernten sich drei Tiere fluchtartig in den Wald, das vierte aber blieb stehen, kam sogar näher und näher und genoss das dargebrachte Futter – es war Bamby! Gross war die Freude des Wiedersehens. Wie sollte man das Tier nach Hause gebracht werden? Eine Leine war nicht vorhanden. Es war auch nicht notwendig: Der Schützling folgte der mit Futter gefüllten Hand des Betreuers frei, zunächst über Feld und Wiesen, bald über die Dorfstrasse, an lärmigen Baumaschinen vorbei, bis in die alte Unterkunft.

Für Paulus, seine Angehörigen und die Dorfbewohner waren nun wieder sonnige Tage und Wochen angebrochen. Und so vergingen wieder Monate. Ebenso der strenge Winter 1962/63. Die Reihe freudiger Überraschungen Bambys war jedoch nicht abgeschlossen. Die Krönung des ganzen Geschehens sollte noch kommen, nach Monaten. Ganz heimlich hatte es für seine vielen Bewunderer in der Freiheit ein bleibendes Andenken mitgebracht. Bamby kam als erwartende Mutter zurück! Und am 15. Mai 1963, an einem stürmischen Nachmittag, schenkte Bamby in aller Stille im kleinen Stall drei gesunden Kindern das Leben!“

Marcel Weya

Auch nach 60 Jahren unvergessen

Auch im Jahr 2025 ist Bamby für Anna Schaad, die Nichte des Protagonisten Paul, noch lebendig in Erinnerung. „Mein Bruder Hans und ich haben uns ebenfalls um Bamby und ihre Kitze gekümmert“, erzählt sie. Damals war Anna sechs Jahre alt, ihr Bruder acht. Durch die Publikation des Zeitungsartikels in der Ortsgeschichte Lommiswil wurden bei Anna viele längst vergessene Erinnerungen wieder lebendig und haben sie tief berührt.

Die im Blog gezeigten Fotografien stellte Anna freundlicherweise aus ihrem privaten Archiv zur Verfügung.

Bamby mit Nachwuchs, Lommmiswil, ca. 1963. Foto: Anna Schaad

Quelle:

  • Text und Zeitungsartikel: Weya, Marcel: Bambys Flucht und Heimkehr. In: „Der Sonntag“, 15. September 1963. (Artikel erhalten von Paul Schaad.)
  • Fotos von Anna und Hans Schaad mit Bamby: Anna Schaad

Entdecke mehr von Ortsgschichte Lommiswil

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen